Schwere Zeiten liegen hinter uns - doch jetzt geht es aufwärts!

Wie bereits berichtet beginnt mit dem Aufbau einer Ausbildungswerkstatt in Nigeria ab Sept. 2018 ein neues Zeitalter und wir sind überaus froh, dass die lange Zeit der Pechsträhnen nun ein Ende hat. Da wir auf dieser Website lange nichts über Nigeria veröffentlicht haben erscheint es geboten, einen Einblick über die Entwicklung in den letzten Jahre zu geben. Natürlich hat der schreckliche Terror von Boko Haram alles andere in den Schatten gestellt und das gesamte Land hat unter der Geisel fundamentalistischer islamistischer Gruppierungen gelitten. Wenn dann noch eine schlecht ausgerüstete und undisziplinierte Armee versucht Selbstmordattentäter habhaft zu werden (und sie grausam hinrichtet) und die Bevölkerung unter der allgegenwärtigen Korruption und dem Staatsversagen überhaupt jahrelang leidet ist es nicht verwunderlich, dass sogar Teile der Opposition und der Armee mit Terroristen kollaborierten und die Bevölkerung schließlich beiden Seiten mißtraute. In dem folgenden Rückblick wird auch über Schicksalsschläge berichtet ebenso wie von Klimakatastrophen, die unsere Arbeit jahrelang behindert haben.

Wenn in den Nachrichten über Nigeria berichtet wird denkt man unwillkürlich an Korruption auf höchster Ebene, Entführungen im Niger-Delta und Terrorüberfälle durch Boko-Haram im  Norden. Wer Nigeria im Zusammenhang mit LHL hört denkt zunächst an den SAVE80 und überlegt dann kurz, was eigentlich aus dem PET-Flaschenhaus geworden ist. Während das SAVE80-Programm – leider - durch den Boko-Haram zum Stillstand gebracht wurde (aber viele Frauen fragen heute noch wann und wo man einen SAVE80-Kocher kaufen kann), hat das PET-Flaschenhaus seine Blütezeit noch vor sich. Auch hier hat Boko Haram Schuld daran, dass unser Flaschenhaus auf der Kaduna-Farm noch immer nicht fertig ist, aber zumindest turnen jetzt wieder die Dachdecker auf dem fast fertigen Dach herum und bald werden auch die Grasbündel darauf fixiert. Sobald der Termin für die Einweihungsfeier feststeht geben wir diesen natürlich bekannt – und alle sind herzlich dazu eingeladen.

2017 war wohl das schwierigste Jahr für unseren Partner bzw. D.A.R.E. seine NGO. Begonnen hat es bereits Jahre zuvor, Boko Haram hatte sich von Maiduguri aus in den Westen und Süden ausgebreitet und sogar Überfälle im 1000 km entfernten Abuja auf das UN-Hauptquartier verübt. Ende 2014 starb unerwartet Chris der Besitzer unserer Farm und es begann eine monatelange Warterei darauf, was die Erben mit dem Grundstück vorhatten. In 2016 deutete sich an, dass das Pachtverhältnis fortgesetzt werden könnte, wenn auch auf unsicherer Rechtsgrundlage. Somit konnten unsere Bauarbeiten am Flaschenhaus nach fast 5-jähriger Unterbrechung fortgesetzt werden, doch das Gebäude hatte in dieser Zeit erheblichen Schaden erlitten und musste zuvor grundsaniert werden. Für die abschließenden Dacharbeiten wurde eine Dachdeckerfirma beauftragt, doch auch hier verließ uns nicht die Pechsträhne: ein Bauarbeiter fiel vom Gerüst, verletzte sich schwer an der Wirbelsäule und der Firmeninhaber zog sich erst einmal zurück, denn er fühlte sich mitschuldig. So unbeaufsichtigt verschwanden Teile der Ausrüstung. BINGO hatte uns anfangs geholfen, jetzt konnten wir mit Unterstützung von Engagement Global die Arbeiten fortführen.

Die äußeren Umstände haben sich nur unwesentlich verbessert: die Angst vor Boko Haram hat viele Bewohner vertrieben, die Lebenshaltungskosten sind drastisch gestiegen, keiner will so recht in eine unsichere Region Waren liefern, die Inflation galoppiert, die Regierung hat die Subventionierung von Benzin abgeschafft, und schließlich wurde der Naira um 100 % abgewertet. Und wenn dann noch das Klima wieder einmal verrücktspielt und die Regenzeiten nicht enden wollen, dann verzweifeln alle, nicht aber wir.

Seit 2014 träumen wir von einem der größten und aufregendsten LHL-Projekte: auf unserem Farmgelände soll ein Ausbildungszentrum entstehen mit dem PET-Flaschenhaus als Zentrum und mehreren Ausbildungswerkstätten. Geplant sind zum Start zwei Werkstätten, in denen Ausbildungskurse durchgeführt werden, die jeweils drei Monate dauern: ein Kurs für Flaschenmaurer und einer für den Kocherbau. Jeweils 15 Männer und Frauen können teilnehmen und natürlich werden sie auch mit den Grundlagen des Bauhandwerks bzw. der Metallverarbeitung vertraut gemacht. Wir glauben dass wir mit einer solchen Kurzausbildung den Bedürfnissen des nigerianischen oder gar des afrikanischen Marktes eher gerecht werden als mit einer 3-jährigen Lehre. Zumal eine solche „Ausbildung“ bezahlt werden muss und noch gibt es nicht die Betriebe, die in Ausbildung investieren.

Geleitet werden soll der Kurs von einem Trainer, dem ein Assistenztrainer zur Seite steht. Während die Ausbildung zum „Flaschenmaurer“ im Freien auf dem Farmgelände stattfinden kann (Bauhof), wird – ebenfalls auf dem Farmgelände - für die Kocherwerkstatt eine mobile Metallwerkstatt eingerichtet, bestehend aus einem überdachten Werk- oder Arbeitsbereich, der von drei Containern U-förmig umschlossen wird. In der Farmküche kochen zwei Frauen auf dem SAVE80 für die etwa 50 Personen, die sich auf dem Gelände befinden, gegessen wird im Farmrestaurant (zu der eine Trenntoilette gehört) und die Unterkünfte befinden sich im Nachbardorf, anfangs als Untermieter, später mit einem eigenen Haus. Diesen Plan haben wir über die Jahre detailliert ausgearbeitet und erstmalig 2016 dem BMZ vorgelegt. In 2017 wurden wir aufgefordert einen Projektantrag dafür zu verfassen und sind Ende 2017 von der C-Gruppe in die A-Gruppe aufgestiegen, die sich Hoffnung auf eine Förderung machen darf. Zeitgleich hat sich endlich eine der nigerianischen Bundes­regierungen an unserem Projekt interessiert gezeigt; Niger State, das größte der 36 Bundesländer. Die Regierung von Niger State hat sich verpflichtet, 45% der Projektkosten, immerhin ca. 350.000 €, zu übernehmen und wird dafür alle Kursteilnehmer stellen. In den letzten Tagen (Juni 2018) haben wir die Förderzusage schließlich schriftlich erhalten und damit geht ein langer Traum in Erfüllung.

Zwischendurch beteiligen wir uns an der Entwicklung neuer Kocher, z.B. für die Reisbauern und für das Rote Kreuz ein 200l-Kocher. Ideengeber und Entwickler ist unser belgischer Kollege Marinus, der die Idee hatte, den Topf gleich so gut zu isolieren, dass man zum Aufheizen wenig Holz benötigt und Dank der Isolierung nach dem Aufkochen auch schon wieder aufhören kann, denn die Temperatur hält sich über viele Stunden und für Mais, Reis und auch Kartoffeln reichen auch 90 Grad. Dies hat das Internationale Rote Kreuz interessiert und mit viel Aufwand und Mühe haben wir einen solchen Kocher bis nach Maiduguri ins Boko Haram Land transportiert, wo er in einem Lager getestet wird.

Nach vielen Jahren der Vorbereitung, nach unendlich vielen Gesprächen mit Politikern, Geschäfts­leuten und NGO's, nach mehreren Reisen nach Deutschland und Gesprächen mit hiesigen Regierungsvertretern und nach Besuchen in afrikanischen Nachbarländern haben wir jetzt endlich den langersehnten Durchbruch geschafft. Nach Abschluss des Projektes Ende 2019 hoffen wir, dass das Kocherprogramm als eigenständige Produktion fortgeführt werden kann, denn das ist klar: mit einer Ausbildungswerkstatt kann man kein Geld verdienen, im Gegenteil, Yahaya wird ständig neue Partner suchen müssen und da ist es von Vorteil, wenn er noch über ein zweites Standbein verfügt. Dennoch soll der Ausbildungsbetrieb ausgebaut werden und letztendlich wollen wir die ganze Palette von ehrbaren Handwerkerberufen zur Ausbildung anbieten: den Zimmermann für alle Holzarbeiten am und im Haus, den Elektriker, der im Haus eine ordentliche Stromversorgung einschließlich Solartechnik installieren kann, der Installateur, der die Hausbewohner mit Frischwasser versorgt (einschl. Solar­kollektoren) und sich auch um das Brauchwasser kümmert und auch nach Fliesenleger fragen afrikanische Häuslebesitzer (wer will schon im heißen Nigeria auf Teppich oder Beton laufen).

Packen wir's also an, es gibt ab sofort reichlich zu tun.

Bernd Blaschke + Yahaya Ahmed

PS: Im März zog ein Zyklon über Nigeria hinweg und hat u.a. hunderte von Häusern zerstört und Bäume ausgerissen. Auf unserem Farmgelände sind die Aufräumabeiten weitgehend abgeschlossen und unser PET-Haus hat nur kleinere Blessuren abbekommen.

 

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